Einleitung

Texas Hold’em (No Limit) ist ein Spiel mit sowohl Strategie- als auch Glücksanteil, welches einfach zu lernen, aber schwierig zu meistern ist. Im Folgenden sollen weiterführende Aspekte angesprochen und in Teilen auch vertieft werden mit dem Ziel, dem Leser Möglichkeiten an die Hand zu geben, das eigene Poker-Spiel zu verbessern. Eine Liste üblicher Pokerbegriffe hilft beim Einstieg in die Welt des Pokers. Weiterführende Informationen findet man reichlich im Internet, so dass dort die hier angeschnittenen Themen vertieft werden können.

Auswahl der Starthände

Man kann zwar mit jeder beliebigen Starthand gewinnen, aber mit einigen Händen stehen die Chancen dafür besser als mit anderen. So gewinnt man mit 2h7d gegen AcKc, wenn man ein Paar macht und der Gegner nicht, aber wenn keine der beiden Hände ein Paar trifft, gewinnt die Hand mit dem Ass.

Im Internet gibt es viele Seiten, auf denen sogenannte Starting Hand Charts, also Diagramme für die Starthandauswahl, gezeigt werden. Im Allgemeinen gilt: Je mehr Leute mit am Tisch sitzen und je mehr Leute noch nach einem dran sind, desto besser sollte die eigene Hand sein, wenn man dem Flop sehen möchte.

Position am Tisch

Absolute Position

Mit Spielen in Position ist für gewöhnlich gemeint, dass die anderen Spieler möglichst vor einem selbst agieren müssen. Die beste Position hat man normalerweise, wenn man den Dealer-Button hat. Man spricht hier auch von „absoluter Position“.

Beispiel: Man hält 3c3h auf der Hand und möchte billig den Flop sehen, um einen Drilling treffen zu können.

Schlechte absolute Position

Man sitzt direkt links vom Big Blind und eröffnet die Setzrunde. Man findet seine Hand gut genug, um damit den Flop sehen zu wollen und limpt daher in den Pot. Es folgen von den nachfolgenden Spieler ein Raise, ein Call und ein weiterer Raise. In der Regel bleibt einem hier nur ein Fold. Die Wahrscheinlichkeit, hier gegen bessere Hände Starthände spielen zu müssen, ist ziemlich hoch. Der zweite Raiser wird in der Regel eine fertige Hand ab JxJx oder eine Drawing Hand ab AxQx haben. Die investierten Chips sind verloren.

Gute absolute Position

Dieses Mal hat man den Dealer-Button. Die beiden Raises kamen von den vorher agierenden Spielern. Jetzt kann man die eigene Hand wegwerfen, ohne Chips investiert zu haben. Aufgrund der guten Position hatte man einen Informationsvorteil gegenüber den zuerst agierenden Spielern und konnte Chips sparen.

Relative Position

Neben der absoluten Position gibt es auch die „relative Position“. Eine gute relative Position hat man in der Regel, wenn man auf dem Flop mit mehreren Spielern („multiway“) ankommt und ein Spieler vor dem Flop ein Raise gemacht und somit ein gewisses Maß an Stärke demonstriert hat. Oft führt das dazu, dass auf dem Flop alle Spieler zum Pre-Flop-Aggressor (dem Raiser) checken und schauen, ob er erneut setzt.

Beispiel: Der Spieler rechts vom Dealer-Button erhöht vor dem Flop. Der Dealer-Button, der Big-Blind sowie der ihm folgende Spieler callen.

Schlechte relative Position

Hat man hier auf der Dealer-Button-Position gecallt, hat man eine gute absolute Position. Auf dem Flop checken aber nun in der Regel der Big Blind und der Spieler links von ihm (genannt UTG, „Under The Gun“) unabhängig von ihrer Handstärke. Der Pre-Flop-Raiser setzt auch auf dem Flop. Trotz guter absoluter Position weiß man an dieser Stelle nichts über die vorher agierenden Spieler Big Blind und UTG, da deren Checks reine „Höflichkeits-Checks“ gewesen sein können. Da die Bet des Pre-Flop-Raisers auch eine von manchen Spielern fast standardmäßig eingesetzte Folge-Bet (sog. Continuation Bet) sein kann, bietet selbst diese keinen Erkenntnisgewinn über dessen mögliche Handstärke.

Gute relative Position

Angenommen wir halten KhQh, hatten damit nur den Big Blind gecallt (limp), anschließend den Raise bezahlt und der Flop ist QsTs5d. Es wird wieder durchgecheckt bis zum Pre-Flop-Aggressor, welcher erneut setzt (ungefähr in Höhe des halben Pots). Nun sieht die Sache viel besser für uns aus:

  • Falls der Button-Spieler erhöht und der Big-Blind callt, sollten wir oftmals passen, da unser „Top Pair“ mit „Good Kicker“ nach dieser Action oft von besseren Händen wie AxQxQxTx oder sogar sehr starken Händen wie TxTx dominiert wird. Durch die zwei liegenden Xs-Karten besteht zusätzlich die Gefahr, dass ein Gegner auf Turn oder River einen Flush erhält. Ein klarer Fold.
  • Alle Hände bis zu uns folden ihre Hand. Die Continuation Bet muss nicht zwingend auf besondere Stärke hinweisen. In dieser Situation haben wir oftmals einen klaren Call. Wir schließen die Setzrunde ab und können die nächste Karte sehen. Falls auf dem Turn eine kleine Karte kommt, wir zum Gegner checken und der Gegner ebenfalls checkt, haben wir oft die beste Hand.

Die Bet

Gründe für eine Bet

Im Prinzip gibt es genau zwei Arten von Bets:

  1. Die Value-Bet: Man glaubt, man hat das beste Blatt und hofft, dass der Gegner mit einer schlechteren Hand callt.
  2. Die Bluff-Bet: Man glaubt, man hat das schlechteste Blatt und hofft, dass der Gegner mit einer besseren Hand foldet.

Und das war es auch schon. Das Entscheidende beim Poker ist allerdings, dass man genau weiß, aus welchem der beiden Gründe man gerade Chips setzt. Abhängig davon muss man nämlich die passende Einsatzhöhe auswählen, welche das gewünschte Ziel (hoffentlich) bewerkstelligt. Generell ist eine Bet also dann sinnvoll, wenn man schlechtere Hände benennen kann, die die Bet callen können, oder bessere Hände, die folden können.

Bet for Protection

Oftmals hört man an Poker-Tischen noch einen dritten Grund: Die Bet for Protection. Das Ziel dieser Bet soll sein, dass sogenannte „Drawing Hands“ nicht profitabel callen können in der Hoffnung, z.B. eine Straight oder einen Flush zu treffen. Hier könnte man mit Hilfe der Mathematik Mindestgrößen für Bets ermitteln, mit denen das Drawen mehr oder weniger zum Fehler werden sollte. Als Faustregel gilt: Ist man auf dem Flop heads-up, spielt also nur gegen genau einen Gegner, ist eine Value-Bet in Höhe ab 1/2 Pot gut genug. Setzt man hingegen nur 1/3 Pot oder weniger, kann jeder Flush-Draw und jeder Open Ended Straight-Draw profitabel callen. Das ist der Hauptgrund, warum man eigentlich nie so klein value-betten setzen sollte.

Blocking-Bet

Umgekehrt kann eine kleine Bet in Höhe von ca. 30-40% des Pots hilfreich sein, wenn man zuerst dran ist, selbst auf einen Flush drawt und eine höhere Bet des Gegners verhindern möchte. Sollte der Gegner die kleine Bet nur callen, hat man sich selbst eine langfristig profitable neue Gemeinsschaftskarte erkauft. Diese Art der Bet wird Blocking-Bet genannt. Wird man hingegen geraist und ist die Raise-Höhe ausreichend hoch, muss man seine Hand aufgeben und hat seinen Einsatz verloren.

Ermitteln der Einsatzhöhe

Von mathematischen Einsatzhöhen abgesehen gilt eigentlich nur das Folgende:

  1. Bei Value-Bets versuche einen möglichst hohen Betrag zu setzen, den ein Gegner mit schlechteren denkbaren Händen gerade noch callen würde.
  2. Bei Bluff-Bets versuche einen möglichst kleinen Betrag zu setzen, der den Gegner vermutlich gerade so zum folden bringen kann.

Die Kunst besteht darin herauszufinden, wie stark die Hand des Gegners wohl ungefähr ist, damit man darauf basierend die passende Einsatzhöhe finden kann. Außerdem schadet es nicht, den Gegner als Spieler einschätzen zu können. Manche Spieler werfen Flush-Draws quasi nie weg, während andere damit höchstens 1/2-Pot-Bets callen. Diese Eigenarten der Gegner zu kennen ist immens hilfreich, um gute Einsatzhöhen ermitteln zu können.

Tells

Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, einen großen Bluff des Gegners anhand kleiner Details zu entlarven. Das Internet ist voll von unterschiedlichsten Tells und wie man diese zu deuten habe (und selbstverständlich gibt es auch einige Bücher zum Thema). Hier einige Beispiele:

  • Zittern und Nervosität bei großen Bets
  • Anstarren des Gegners
  • Ändern des normalen Tischverhaltens (ruhiger Spieler redet plötzlich viel, freundlicher Spieler schaut plötzlich böse)
  • das sogenannte „Hollywooding“, also das (schlechte) Schauspielern (z.B. Jammern und lautes Seufzen, um eine schlechte Hand zu vermitteln)

Ein Problem ist oft, dass die Interpretation dieser Tells von Gegner zu Gegner unterschiedlich erfolgen muss: Während Spieler A zittert, weil er ein Entdecken seines Bluffs fürchtet, zittert Spieler B vor Vorfreude auf einen möglichen großen Gewinn.

Ein weiteres Problem: Der Tell muss unbewusst erfolgen, um nützlich zu sein. Im Film Casino Royale hat der Schurke Le Chiffre scheinbar einen sehr offensichtlichen Tell, nämlich das Berühren seiner Schläfe mit der linken Hand. Im Laufe der weiteren Handlung wird aber klar, dass Le Chiffre diesen angeblichen Tell bewusst einsetzt: Er hofft, dass dieser Tell von den Gegnern wahrgenommen wird, um in der passenden Situation einen riesigen Pot zu gewinnen. Dieses Beispiel zeigt, dass man nicht ausschließlich auf Tells basierend spielen sollte.

Korrekt erkannte Tells können wertvolle Informationen liefern, sollten aber nur ein Aspekt von mehreren bei der Bewertung der eigenen Hand sein. Umgekehrt ist das Wissen über mögliche Tells nützlich, um sein eigenes Spiel undurchschaubarer zu gestalten. Idealerweise agiert man sowohl bei Value- als auch Bluff-Bets stets gleich, um den Gegner keine Gelegenheit zu geben, einen zu durchschauen. Statt also z.B. nur bei starken Händen auf Flop, Turn und River die eigenen Karten nachzuschauen, sollte man das immer tun, wenn man sich die Karten nicht einwandfrei vor dem Flop merken kann.

Spielweisen

Im Großen und ganzen unterscheidet man ungefähr vier verschiedene Spielertypen beim Pokern, wobei bestimmte Spieler vor und nach dem Flop unterschiedliche Spielweisen haben.

Loose Passive

Der loose passive Spieler möchte möglichst oft den Flop sehen und callt daher pre-flop mit vielen Starthänden. Auch nach dem Flop spielt er meistens passiv weiter, indem er Bets meistens nur callt oder foldet.

Tight Passive

Dieser Spielertyp spielt nur wenige Starthände und diese dann eher passiv. Das bedeutet nichts anderes, als dass er es den anderen Spielern überlässt, den Pot zu vergrößern. Selbst betten tut er fast ausschließlich die Nuts, also die auf der aktuellen Straße (Flop / Turn / River) bestmögliche Hand. Auf großen Druck foldet er oft die bessere Hand, wenn sie nicht sehr gut war.

Tight Aggressive

Der TAG spielt ebenfalls nur wenige Starthände, diese dafür aber aggressiv. Das bedeutet, dass er fast immer mit einem Raise in eine Setzrunde einsteigt. Für gewöhnlich wird er Top Pair mit Top Kicker auch auf allen drei Straßen aktiv betten, sofern das Board nicht zu furchterregend oder er mit einem Check-Raise konfrontiert wird.

Diese Spielart ist relativ dicht an die sogenannte ABC-Spielweise angelehnt: Spiele deine guten Hände aggressiv und trenne dich früh von deinen schlechten Händen. Sie ist gerade für Anfänger eine gut anwendbare Strategie, da man sich gut an bestimmten Charts und Regeln entlanghangeln und trotzdem relativ gutes Poker spielen kann. Es erfordert allerdings recht viel Disziplin, viele mittelmäßige bis schlechte Starthände wegzuwerfen und nur Zuschauer zu sein. Dafür kann man in dieser Zeit wunderbar die anderen Spieler und deren Spielweisen studieren.

Loose Aggressive

Die im Jahr 2016 wohl angesagteste Spielweise ist der LAG-Stil. Im Prinzip ist der Stil ähnlich zu dem des TAG, allerdings werden ein paar mehr Starthände gespielt. Man sieht dadurch mehr Flops, muss sich aber der Tatsache bewusst sein, des Öfteren die schlechtere Hand als der Gegner zu halten. Eine Hand wie 7h5h ist bei einem Flop Qh7cTs nicht gerade einfach zu spielen, da die Dame durchaus nicht nur einmal in der Range eines TAGs vorkommt. Daher muss ein LAG sehr gut auf den generell schwierig zu spielenden Straßen Flop, Turn und River spielen können. Gute Gegneranalysen und Handlesefähigkeiten sind unabdingbare Fähigkeiten, die ein LAG-Spieler benötigt (wobei diese natürlich auch einem TAG oder ABC-Spieler zugute kommen).

Generell ist eine aggressive Spielweise in der Regel besser als eine passive Spielweise. Auch wenn es zu offensichtlich wirken mag: Wenn man eine gute Hand hat, sollte man Chips setzen. Wer darauf wartet, dass jemand mit einer schlechteren Hand startet, überlässt ihm die Initiative und damit auch die Höhe des Einsatzes. Im schlimmsten Fall wird zurück gecheckt und man hat nur noch zwei Straßen Zeit, um den Pot „anzufüttern“. Beispiel: Man ist auf dem Button, hält AhKc und spielt gegen den Big Blind. Der Flop liefert Ad3sQs und der Big Blind checkt.

Passive Spieler könnten versuchen, hier „trickreich“ zu checken, um den Gegner zu einer Bluff-Bet zu animieren. Das ist aber problematisch: Falls der Gegner eine Hand wie Ts9s und somit einen Flush-Draw hat, wird er möglicherweise nicht aktiv setzen, aber durchaus ein bis zwei Bets callen in der Hoffnung, seinen Flush zu treffen. In diesem Fall führt eine passive Spielweise dazu, dass man entweder einen kleinen (durch-gecheckten) Pot gewinnt oder bei Erscheinen einer dritten Xs-Karte mit einer Gegner-Bet konfrontiert wird, die man evtl. callt (im schlimmsten Fall erscheint As und man hat einen Drilling gegen den Flush). Besser wäre, auf Flop und Turn zu setzen und dann, wenn der Gegner bis zum River mitgegangen ist, über einen Check nachzudenken.

Ein weiterer Vorteil kontrollierter Aggression: Manchmal bringt man damit auch eine bessere Hand zum folden.

Turniere

Das Besondere an Turnieren ist die zeitliche Begrenzung, da die Blinds regelmäßig erhöht werden. Sind die Spieler-Stacks zu Beginn mit mindestens 100 BB noch deep, kommt früher oder später der Moment, an dem man pre-flop seine Hand nur noch folden oder mit ihr All-in gehen kann. Als Faustregel kann man rechnen, dass man spätestens mit einem Stack von weniger als 10 BB im „Push or Fold“-Modus angekommen ist; ist Ante im Spiel, liegt die Schwelle schon bei ca. 15 BB.

Zum Thema Multi Table Tournaments (MTT) gibt es unterschiedliche Tipps. Die Gängigsten lehren aber, beim Spiel mit hohen Stacks relativ „tight“ zu spielen und erst im Laufe des Turniers die Aggression nach und nach mit weiteren Starthänden zu erhöhen. Schlussendlich muss aber wohl jeder selbst für sich ausprobieren, was gut für einen funktioniert.

Mathematik (Grundlagen)

Im folgenden Bereich dreht sich alles um das Thema „Handanalyse“. Das Ziel der Handanalyse besteht darin, möglichst gut abschätzen zu können, wie sich die eigene Hand im Vergleich zu den möglichen Händen des Gegners schlägt.

Im ersten Teil werden viele für Handanalyse notwendige Begriffe eingeführt und zu Leben erweckt, bevor dann im zweiten Teil die einzelnen Puzzleteilchen zu einem Ganzen zusammengesetzt werden.

Outs

Angenommen, man weiß, dass auf dem aktuellen Board auf Flop oder Turn der Gegner die bessere Hand hat. Die eigenen Outs stehen dann für alle Karten im verdeckten Kartenstapel, die auf der Folgestraße aus der eigenen Hand das vorläufige Siegerblatt machen. Wir ignorieren hierbei alle Karten, die unsere Outs entwerten würden; Outs sind eine reine ich-bezogene Betrachtung der Spielsituation.

Beispiel: Wir halten AhKh, spielen gerade gegen AcAd, sind vor dem Flop All-in gegangen, wurden (natürlich) gecallt und der Flop bringt ThAsQh. Die Asse liegen mit dem Set vorne, aber es werden noch zwei Community-Karten aufgedeckt. Alle Karten, die uns auf der direkten Folgestraße (hier der Turn) ein Überholen der Asse ermöglichen, sind unsere Outs:

  1. alle 4 Jx (Straight)
  2. alle 9 verbliebenen Xh(Flush)

In Summe macht das 9 + 4 – 1 Outs (Warum -1? Jh ermöglicht mit einer Karte sowohl die Straight als auch den Flush und darf daher nicht doppelt in die Outs einfließen. Outs zählen die verbliebenen Karten, und im Kartendeck gibt es nur einen Herz Buben und nicht zwei).

Basierend auf den Outs kann man eine ungefähre Trefferwahrscheinlichkeit ableiten, indem man die Anzahl der Outs mit 2 multipliziert. Bei 12 Outs treffen wir also zu ca. 24% auf der Folgestraße, gerundet jedes vierte Mal. Dass jede Qx bzw. jede Tx unsere Outs entwerten ist zwar ein Fakt, aber für uns in der Regel nicht wichtig, sofern wir nur die Wahrscheinlichkeit für eine Verbesserung auf der Folgestraße einschätzen möchten.

Die Gesamtwahrscheinlichkeit, auf Turn oder River zu treffen, liegt übrigens ganz grob bei ungefähr „4 mal Outs“. Hierbei sollte man aber zumindest im Hinterkopf haben, dass eigene Outs, die derzeit gut sein können, auf dem River überholt sein könnten.

Die Möglichkeit, anhand der Outs Wahrscheinlichkeiten für eine Handverbesserung herleiten zu können, bringt uns zum nächsten Thema.

Odds und Pot Odds

Die Odds entsprechen der Wahrscheinlichkeit aus dem Abschnitt Outs, seine Hand zu verbessern. In der Regel wird hier allerdings nicht die Prozent-Schreibweise verwendet, sondern das Verhältnis „Chance sich nicht zu verbessern“ zu „Chance sich zu verbessern“.  Haben wir also durch unsere Outs eine Chance von 25% uns zu verbessern, beträgt die Wahrscheinlichkeit 75%, uns nicht zu verbessern. Unsere Odds wären demnach 75:25 oder gekürzt 3:1.

Nehmen wir weiterhin an, dass wir Position und 12 Outs haben. Auf dem Flop platziert unser Gegner bei einen Pot von $100 eine Bet in Höhe von $45. Im Pot sind nun $145. Sollten wir nun callen oder folden? Um diese Frage zu beantworten berechnen wir die sogenannten Pot Odds und vergleichen Sie mit den Odds, uns zu verbessern. Die Pot Odds sind das Verhältnis „Potgröße : zu callender Betrag“, im Beispiel also 145:45, was in etwa dem Verhältnis 3,2:1 entspricht. Die Pot Odds sind in diesem Fall größer als die Odds. Immer wenn das der Fall ist, ist ein Call auf lange Sicht profitabel, was im Folgenden erklärt werden soll:

Angenommen, die Pot Odds sind gleich den Odds, nämlich 3:1. Das bedeutet, dass wir im Schnitt jedes 4. Mal den Pot gewinnen. Bei einem Pot von $150 und einem zu callenden Betrag von $50 würden wir also 3x $50 verlieren, weil wir uns nicht ausreichend verbessert haben, aber jedes 4. Mal die $50 plus den Pot, um den wir gekämpft haben ($150) gewinnen. Es ist also unterm Strich ein Nullsummenspiel. Falls nun lediglich $40 zu callen wären, wären die Pot Odds 150:40 bzw. 3,75:1. 3x müssen wir $40 investieren, um dann 1x $150 zu gewinnen. Wir verlieren also langfristig im Schnitt $120, um $150 zu erhalten – eine klar profitable Situation.

Pot Odds zeigen also, unter welchen Bedingungen eine Bet profitabel gecallen werden kann. Der Umkehrschluss, dass Pot Odds auch zeigen, wann ein Call unprofitabel ist, gilt jedoch bei No-Limit nicht immer, wie das folgende Thema Implied Odds zeigen wird.

Implied Odds

Beim Heranziehen der Pot Odds zur Klärung der Fragestellung, ob eine Bet profitabel gecallt werden kann, wird stets davon ausgegangen, dass auf der direkt folgenden Straße (Turn und/oder River) kein weiterer Einsatz mehr in den Pot wandert. Diese Art der Betrachtung ist aber je nach Board-Textur und Gegner mal mehr, mal weniger realistisch. Angenommen, man hat einen „Open Ended Straight Draw“ mit zwei kleinen „Suited One-Gapped Connectors“ wie 6 und 4 auf der Hand, dann ist es ziemlich wahrscheinlich, dass bei Vervollständigung der Straight der Gegner trotzdem erneut setzen wird oder zumindest eine eigene Bet callen wird, weil man eine solche Starthand dem Gegner in der Regel nicht gibt. Diese zusätzlichen Chips, welche auf den Folgestraßen noch kommen können, werden Implied Odds genannt.

Allgemein gilt: Je versteckter die eigene Drawing Hand ist und je ungefährlicher das Board für den Gegner aussieht, desto höher sind die Implied Odds. Eine Straight mit Board-Karten über und unter der eigenen Hand ist ziemlich versteckt und oft auch eher unwahrscheinlich in den Augen der Gegner. Ein getroffener Flush hingegen ist sehr viel einfacher zu entdecken. Viele (über)vorsichtige Spieler verweigern mit einer schlechteren Hand dann den Kampf um den Pot und bieten somit keinerlei Implied Odds an (Dass ein solches Spielverhalten anderweitig ausnutzbar ist steht außer Frage).

Auch wenn sich Implied Odds von Fall zu Fall unterscheiden können, gibt es dennoch eine mathematische Methode, mit der man zumindest ausrechnen kann, wie viel Geld man im Falle eines Calls noch aus dem Gegner herausholen muss, um bei Missachtung der Pot Odds langfristig profitabel zu spielen: Angenommen die eigenen Odds sind 8:1 (Gutshot Straight Draw), der Pot bietet aber nur 3:1 Pot Odds ($150 im Pot, $50 zu callen). Um diese Bet profitabel callen zu können, müssen im Falle einer Straight-Vervollständigung noch weitere $250 vom Gegner in den Pot wandern, wenn der Call langfristig profitabel sein soll.

Die Formel lautet:
(Odds – Pot Odds ) x zu callender Betrag
Fürs Beispiel gerechnet: (8:1 – 3:1) x $50 = 5:1 x $50 = $250.

Anhand dieses Beispiels wird ersichtlich, wie riskant es ist, auf einen Gutshot zu drawen, wenn der Gegner eine Bet in Höhe des halben Pots macht. Man muss $50 riskieren und anschließend noch weitere $250 dem Gegner entlocken, damit der Call breakeven war, man also langfristig weder Gewinn noch Verlust macht. Das ist bei No-Limit-Poker nur in den seltensten Szenarien eine realistische Annahme.

Reverse Implied Odds

Angenommen, wir halten 8c 9c und der Flop bringt Th3h7h. Jede 6x und jeder Jx verbessert unsere Hand zur Straight. Es besteht aber das Risiko, dass 6h und Jh dem Gegner einen Flush bescheren. Ist das der Fall und ein Call unsererseits ist allein durch die gegebenen Pot Odds nicht profitabel möglich, haben wir nicht nur Implied Odds (wir gewinnen, wenn wir uns verbessern), sondern auch Reverse Implied Odds (wir verlieren sehr viel, wenn wir uns verbessern, der Gegner sich aber „besser verbessert“).

Generell ist es ein Spiel mit dem Feuer, bei vorhandenen Reverse Implied Odds gegen die Pot Odds zu drawen, also eine Bet zu callen in der Hoffnung, sich deutlich zu verbessern. Um das Risiko in die eigenen Überlegungen einfließen zu lassen kann man riskante Outs nicht als solche betrachten oder deren Wert halbieren. Im obigen Beispiel hätten wir dann nicht 8 Outs für die Straight, sondern lediglich 6 bzw. 7 bei Halbierung des Werts. Das wirkt sich dann auf unsere Odds und damit auch auf den Betrag aus, den man im Falle eines Treffers noch vom Gegner auf den Folgestraßen herausholen muss. In einigen Fällen ist es dadurch sinnvoll, die eigene Hand eher aufzugeben, als sich dem Risiko der Reverse Implied Odds auszusetzen (zumal bereits die Implied Odds eine spekulative Größe sind).

Pot Equity

Wer schon professionelle Pokerübertragungen im Fernsehen oder bei Youtube gesehen hat, kennt die kleinen Prozentzahlen, die neben den einzelnen Spielern stehen. Sie geben an, mit welcher Wahrscheinlichkeit die jeweilige Hand bei einem Showdown am River gewinnen wird. Dieser Wert wird Pot Equity genannt. „Pot Equity“ deshalb, weil der Prozentwert angibt, wie viel vom aktuellen Pot im Durchschnitt uns gehört. Haben wir eine Pot-Equity von 60% und der Pot hat eine Größe von $100, so erhalten wir auf lange Sicht $60 aus dem Pot.

Die Equity ist von zentraler Bedeutung dafür, wo wir mit unserer Hand stehen: Haben wir mehr als 50% Equity, werden wir in derselben Situation (gleiche Pocket-Cards und gleiche Community-Cards) langfristig mehr Showdowns gewinnen als verlieren. Eine Equity von 80% sagt aus, dass wir im Durchschnitt 4 von 5 Showdowns gewinnen. In einer Heads-up-Situaton haben Asse gegen Könige vor dem Flop in etwa eine Equity von 80%, d.h. nur jedes 5. Mal gewinnen die Könige auf dem River (durch ein Set oder besser).

Da wir Heads-up mit einer Equity größer als 50% Favorit sind, sollten wir uns in dieser Situation grundsätzlich immer darum bemühen, den Pot möglichst groß zu bekommen. Mit einer Equity kleiner als 50% sind wir hingegen Außenseiter und müssen uns an den Pot Odds oder den spekulativen Implied Odds orientieren, wenn wir eine Bet callen oder selbst betten möchten.

Zwei Anmerkungen an dieser Stelle:

  1. Das Ermitteln der Equity funktioniert nur zuverlässig, wenn alle Karten bekannt sind. Da das als Spieler praktisch nie der Fall ist, wird zu einem späteren Zeitpunkt ein Verfahren erklärt, wie man die eigene Equity näherungsweise schätzen kann.
  2. Die hier vorgestellte Equity bezieht sich immer darauf, dass kein Spieler foldet und es zum Showdown kommt. Eine Erweiterung dieses Konzepts bietet die sogenannte Fold Equity.

Fold Equity

Die Pot Equity spiegelt mathematisch korrekt die Wahrscheinlichkeit wider, beim Showdown zu gewinnen. Oftmals kommt es aber nicht zum Showdown, da einer der Spieler auf einen Einsatz des Gegners foldet. Insbesondere große Einsätze werden je nach Boardtexur und Hand des Gegners den Gegner mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu einem Fold bringen. Diese Wahrscheinlichkeit wird Fold Equity genannt.

Im Gegensatz zur Pot Equity ist die Fold Equity ein Wert, welcher von Gegner zu Gegner unterschiedlich ist. Während man gegen einen ängstlichen Gegenspieler oftmals eine hohe Fold Equity hat, wird man gegen sogenannte Calling Stations, also Spieler, die nahezu jede Bet callen, praktisch 0% Fold Equity haben. Auch die Höhe der Bet im Vergleich zum Pot ist ein wesentlicher Faktor: Je besser die Pot Odds für den Gegner sind, desto geringer ist normalerweise die Fold Equity.

Equity

Häufig wird der Begriff mit Pot Equity gleichgesetzt. Er kann aber auch als die Kombination von Pot Equity und Fold Equity verstanden werden. Demnach kann ein  Wenn die Pot Equity z.B. 20% beträgt und man vermutet, dass der Gegner in der aktuellen Situation zu 20% auf eine größere Bet foldet, beträgt die gesamte Equity 60%, so dass eine Bet langfristig profitabel wäre.

Das Ermitteln des Werts ist allerdings nicht ganz einfach und kaum im Kopf machbar. Einige Internetseiten bieten daher sogenannte Fold Equity Calculatoren an. Dort kann man durch Eingabe der relevanten Daten ermitteln, wie oft ein Gegner auf den eigenen Bluff folden muss, damit er profitabel spielbar wäre. Es kann durchaus hilfreich sein, hier mal abseits des laufenden Spielgeschehens mit ein paar Testwerten „herumzuspielen“ und zu beobachten, wieviel Fold Equity man unter bestimmten Umständen für eigene Bluff-Bets benötigt.

Stack to Pot Ratio (SPR)

Der SPR ist eine Kennzahl zur Risikobewertung auf dem Flop, ob man mit der eigenen Hand alle Chips in die Mitte bekommen möchte oder eher nicht. Er errechnet sich, indem man die effektive Stackgröße durch die Flop-Pot-Größe teilt. Wie genau das funktioniert erklärt folgendes Beispiel:

Beispiel 1: Wir halten AhQc und der Flop bringt 7sQh2d. Im Pot befinden sich $150, wir haben genau einen Gegner, unser Stack umfasst $750 und der Gegner hat noch $600. Die effektive Stackgröße beträgt hier $600, da das einem All-in entspricht – um unsere zusätzlichen $150 können wir in dieser Situation nicht spielen.
Der SPR in dieser Situation ist $600 : $150 = 4.

Beispiel 2: Gleiche Karten wie zuvor, aber im Pot befinden sich nun $100, unser Stack umfasst $850 und der Gegner hat noch $1100. Die effektive Stackgröße beträgt nun $850.
Der SPR in dieser Situation ist $850 : $100 = 8,5.

Grundsätzlich gilt: Je höher der SPR, desto besser sollte die eigene Hand bzw. deren Entwicklungspotenzial sein, wenn man um alle Chips spielen möchte. Im Internet gibt es unterschiedliche Richtlinien, wie man den SPR einsetzen kann. Auf ThePokerBank.com wird beispielsweise befürwortet, Hände wie Top Pair, Overpair oder kleine Two Pairs bis zu einem SPR von 6 volles Risiko zu spielen, während andere Seiten den Wert auf 3 reduzieren. Spekulative Hände wie Flush-Draws wiederum profitieren aufgrund der potenziellen Stärke von sehr großen SPRs, also wenn man deep-stacked ist und nicht schon pre-flop der Pot sehr groß wird.

Generell sollte man den Wert an die eigene Spielweise, die des Gegners sowie die Board-Textur anpassen. Sobald man sich diese Mühe einmal gemacht hat, vereinfachen sich auf dem Flop so manche Entscheidungen.

Handanalyse

Sie ist das Herzstück des Pokerspiels: Die Handanalyse. Derjenige der weiß, was sein Gegner auf der Hand hält, wird auf lange Sicht immer gewinnen, sofern er seine eigene Spielweise daran anpasst.

Das Thema Handanalyse an dieser Stelle vollumfänglich zu behandeln ist unmöglich (dafür ist der Autor dieses Textes selbst viel zu unerfahren in diesem Gebiet). Es soll jedoch vermittelt werden, was genau Handanalyse ist bzw. was es nicht ist. Nach Durcharbeiten dieses Kapitels sollte man zumindest theoretisch in der Lage sein, gegen geeignete Gegnertypen bessere Post-Flop-Entscheidungen zu treffen als ohne die hier vermittelten Kenntnisse.

Definition

Handanalyse ist die hohe Kunst, anhand des bisherigen Spielverlaufs einer Hand, eines Tisches oder sogar eines Turniers gegen einen bestimmten Gegner die Anzahl seiner wahrscheinlichen Hände soweit einzugrenzen, dass man gegen die verbliebenen Hände mathematisch fundiert seine eigene Pot Equity ermitteln kann. Aspekte, die in die Analyse einbezogen werden können, sind z.B. das Setz- und Call-Verhalten, aber auch mögliche Tells.

Handanalyse bedeutet nicht, Gegner auf exakt eine Hand setzen zu können. In ganz seltenen Fälle bei sehr speziellen Gegnertypen (Nits die niemals bluffen) mag das manchmal möglich sein, in der Regel aber wird man immer eine Auswahl an möglichen Händen haben, die der Gegner nach der eigenen Analyse halten könnte.

In den nächsten Abschnitten werden theoretische Aspekte angesprochen. Anschließend folgen einige Beispiele anhand konkreter Hände, welche das praktische Vorgehen der Handanalyse verdeutlichen werden.

Starthand-Ranges ermitteln

Zunächst einmal sollte man herausfinden, mit welchen Starthänden der Gegner eigentlich am Spielgeschehen teilnimmt. Viele Spieler limpen gerne mit kleinen Paaren und mittleren Suited Connectors in den Pot, während hohe Paare und hohe Broadways zumeist geraist werden. Andere Spieler limpen gar nicht, sondern steigen erst mit 9x9x und Ax Qx per Raise ins Spielgeschehen ein. Dann wiederum haben viele Spieler  positionsabhängige Starthände. Und ganz am Schluss gibt es noch diejenigen, die mit fast allen Starthänden mitspielen wollen, sofern der Einstiegspreis in den Pot moderat ist.

Für den Prozess der Handanalyse ist es wichtig zu wissen, mit welchen möglichen Händen ein Spieler in der Regel am Spiel teilnimmt, da wir im weiteren Verlauf einer Hand versuchen, nach und nach Hände seiner Range zu eliminieren, um am Ende eine realistische und überschaubare Menge an restlichen Händen haben, mit denen er z.B. am Turn oder River mitspielen könnte. Aus diesem Grund ist eine Nit viel einfacher „zu lesen“ als ein Loose Aggressiver Spieler: Bei der Nit ist von Beginn an die Range der Hände überschaubar, während beim LAG-Spieler selbst am River noch viele mögiche Hände verbleiben können. Trotzdem sollte sich auch hier der Prozess der Handanalyse lohnen.

Kombinationen zählen

Irgendwann verbleiben noch so viele Hände, dass man anfangen kann abzuschätzen, wo man mit der eigenen Hand steht. Angenommen, man hält AsKc und man grenzt die Range des Gegners auf Ax AxJx Jx, Ax Qx suited sowie Ax Kx offsuited. Welche Pot Equity haben wir gegen diese Range?

Um diese Frage zu beantworten muss man sich vor Augen halten, wie viele Starthandkombinationen es eigentlich für die unterschiedlichen Starthände gibt. Hier eine kurze Auflistung:

  • Pocket-Paare (z.B. Ax Ax): 6 Kombinationen
  • Suited Karten (z.B. As Ks): 4 Kombinationen
  • Offsuited Karten (z.B. Ah Qc): 12 Kombinationen

Für die oben angenommene Range würde das bedeuten, dass er 3 x 6 Kombinationen + 1 x 4 Kombinationen + 1 x 12 Kombinationen = 32 Kombinationen an Händen halten kann – wenn wir selbst nicht schon mindestens eine der Karten in unserer Hand halten.